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Cluster E — Aktualität

EZB-Leitzins und Inflation

Die Europäische Zentralbank hat ein Mandat: Preisstabilität. Wie wirkt der Leitzins auf die Inflation? Wo stehen wir im September 2026?

Datenquelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), VPI-Wägungsschema Basisjahr 2020 (Revision 2023), ergänzt um die HVPI-Abteilung 13 „Körperpflege" (HVPI-Wägungsschema 2026). Aktuelle Inflationsdaten: VPI September 2026 (Destatis PM 348/2026 vom 30.09.2026). Zuletzt geprüft: .

EZB-Einlagefazilität

2,50%

seit 16.09.2026 — Steuerungszins der EZB

Hauptrefinanzierungssatz

2,65%

seit 16.09.2026 — in Medien oft „Leitzins“

EZB-Inflationsziel

2,00%

symmetrisch, mittelfristig

Welcher Satz ist „der Leitzins“?

Die EZB hat drei Leitzinsen. Seit 2024 steuert sie die Geldpolitik de facto über den Einlagesatz (Einlagefazilität): Er liegt aktuell bei 2,50%. Deutsche Medien meinen mit „Leitzins“ dagegen oft den Hauptrefinanzierungssatz — aktuell 2,65%. Der Satz der Spitzenrefinanzierungsfazilität liegt bei 2,90%. Alle drei gelten seit dem 16.09.2026.

2026 hat die EZB die Zinsen zweimal erhöht (Juni: Einlagesatz 2,25%, September: Einlagesatz 2,50%) — nach 8 Senkungen von Juni 2024 bis Juni 2025 und rund einem Jahr Pause.

Wie wirkt der Leitzins?

  1. Banken-Refinanzierung: Wenn die EZB den Zins erhöht, wird es für Banken teurer, sich Geld bei der Zentralbank zu leihen.
  2. Kreditzinsen für Wirtschaft & Haushalte: Banken geben höhere Zinsen weiter — Hypotheken, Konsumkredite, Unternehmenskredite werden teurer.
  3. Reduzierte Nachfrage: Teurere Kredite dämpfen Investitionen und Konsum. Die Nachfrage sinkt.
  4. Niedrigere Preise: Wenn die Nachfrage zurückgeht, haben Unternehmen weniger Spielraum für Preiserhöhungen.
  5. Stärkerer Euro: Höhere Zinsen ziehen ausländisches Kapital an. Der Euro wertet auf, Importe werden günstiger.

Die volle Wirkung tritt erst nach 12–18 Monaten ein. Geldpolitik ist ein langsames Werkzeug.

Leitzins-Verlauf 2022–2026

Wirksam abEinlagesatzHauptrefi­nanzierungSchritt
18.09.2019-0,50%0,00%Senkung
27.07.20220,00%0,50%Erhöhung
14.09.20220,75%1,25%Erhöhung
02.11.20221,50%2,00%Erhöhung
21.12.20222,00%2,50%Erhöhung
08.02.20232,50%3,00%Erhöhung
22.03.20233,00%3,50%Erhöhung
10.05.20233,25%3,75%Erhöhung
21.06.20233,50%4,00%Erhöhung
02.08.20233,75%4,25%Erhöhung
20.09.20234,00%4,50%Erhöhung
12.06.20243,75%4,25%Senkung
18.09.20243,50%3,65%Senkung
23.10.20243,25%3,40%Senkung
18.12.20243,00%3,15%Senkung
05.02.20252,75%2,90%Senkung
12.03.20252,50%2,65%Senkung
23.04.20252,25%2,40%Senkung
11.06.20252,00%2,15%Senkung
17.06.20262,25%2,40%Erhöhung
16.09.20262,50%2,65%Erhöhung

Alle Zinsschritte mit Datum der Wirksamkeit; die erste Zeile zeigt den Stand zu Beginn des Zinszyklus 2022 — Quelle: EZB, Key ECB interest rates (abgerufen am 02.10.2026). Aktuelle Inflationsrate Deutschland (VPI): 3,3% (September 2026, vorläufig) — der Realzins (Einlagesatz minus Inflation) liegt damit bei −0,8%.

Der ‚Volcker-Schock‘ als Vorbild?

Anfang der 1980er hob US-Notenbankchef Paul Volcker die Federal-Funds- Rate auf bis zu 20%, um die zweistellige Inflation zu brechen. Funktionierte — kostete aber zwei Rezessionen. Die EZB folgte 2022/23 einer ähnlichen Linie: schnelles und entschlossenes Anheben. Ab Mitte 2024 senkte sie schrittweise, 2026 hob sie die Zinsen wieder an.

Was treibt die nächste Zinsentscheidung?

  • Kerninflation: Aktuell 2,4% (September 2026, vorläufig) — nahe am Ziel von 2%, das gibt Spielraum.
  • Inflationserwartungen: Laut EZB-Umfrage unter professionellen Prognostikern (SPF, 3. Quartal 2026, veröffentlicht am 24.07.2026) liegt die längerfristige Erwartung (2031) bei 2,0% — also beim Ziel verankert.
  • Lohnentwicklung: Dieselbe Umfrage erwartet für den Euroraum 2026 ein Plus beim Arbeitnehmerentgelt je Beschäftigten von 3,2%.
  • Wirtschaft: Schwaches Wachstum spräche für sich genommen für niedrigere Zinsen. 2026 hat die EZB wegen des Inflationsdrucks trotzdem erhöht.

Zur Erhöhung mit Wirkung ab 16.09.2026 schreibt die EZB in ihrer Pressemitteilung vom 10.09.2026: Der Nahost-Konflikt erzeugt weiter Inflationsdruck; die Inflation dürfte nach Einschätzung der EZB für längere Zeit deutlich über dem Ziel von 2 % bleiben. Das weitere Vorgehen ist datenabhängig und wird von Sitzung zu Sitzung entschieden. Eine eigene Zinsprognose geben wir hier nicht ab.

EZB-Inflationsziel — was es bedeutet

Seit der Strategie-Überprüfung 2021 hat die EZB ein symmetrisches 2%-Ziel über die mittlere Frist. ‚Symmetrisch‘ heißt: Sowohl Unterschreitungen als auch Überschreitungen sind gleichermaßen unerwünscht. Vorher war das Ziel ‚unter, aber nahe 2%‘ — was asymmetrisch ein Plädoyer für Vorsicht nach unten war. In der erneuten Strategieüberprüfung im Juni 2025 bestätigte die EZB das symmetrische 2%-Ziel und kündigte bei starken, dauerhaften Abweichungen eine „kraftvolle oder lang anhaltende" geldpolitische Reaktion an.

Häufige Fragen

Warum reagiert Inflation so langsam auf Zinsen?
Weil viele Verträge (Mieten, Tarife, Kreditverträge) mit Verzögerung anpassen. Erst nach 12–18 Monaten ist die volle Wirkung sichtbar.
Sind 2% das richtige Ziel?
Akademisch umstritten. Manche argumentieren für 3% oder 4%, weil das mehr Spielraum für Zinssenkungen in Krisen lässt. Die EZB hat sich aber 2021 explizit für 2% entschieden.
Hätte die EZB früher reagieren müssen?
Im Nachhinein leichter zu sagen. 2021 sah es zunächst nach Pandemie-Nachwehen aus, die ‚transitorisch‘ wirken sollten. Die Entscheidung zur ersten Zinserhöhung im Juli 2022 wird oft als zu spät kritisiert.
Was ist der Unterschied zwischen Hauptrefinanzierungssatz und Einlagezins?
Der Hauptrefinanzierungssatz ist der Zins, zu dem Banken sich Geld bei der EZB leihen. Der Einlagezins ist der Zins, den Banken erhalten, wenn sie Geld bei der EZB parken — über ihn steuert die EZB seit 2024 de facto. Seit dem 16.09.2026 liegt der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,65% und der Einlagesatz bei 2,50%.